krauskunst
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Kulturpreis

 

t6

Rede zum Kulturpreis des Main Kinzig Kreises, 2003

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der krauskunst,

ungefähr heute, aber vor 85 Jahren, hatte Mickey Mouse seinen ersten großen Auftritt in dem Film Steamboat Willy. Damit wurde die Zeichnung und das gezeichnete Wesen in der Gesellschaft verankert, erstmals in der amerikanischen, tausend Jahre später dann auch in der deutschen. Und das erzähle ich Ihnen, weil selbstverständlich für die Vorführung des Films Eintrittsgeld verlangt wurde, weil ja die Zukunft der Disney Studios gesichert werden musste und weil ja die Zukunft unser aller einziges Ziel ist.

Mit Geld kann man die Zukunft gestalten, Geld an sich, sagt man, ist erst einmal neutral. Seinen Charakter gewinnt es erst durch seine Nutzung. Ich kann es verschenken wie Tom Königs, ich kann damit die Steuer bescheissen und asozial werden, ich kann damit spekulieren und dafür sorgen, dass hunderttausende vor Lampedusa ersaufen, in der Wüste verrecken und als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden. Mit Geld, da kann man alles kaufen, auch Leute, die dem Ball nach laufen. Mit Geld kann ich die Leitsätze aller Gesellschaften aushebeln, für nichtig erklären.

Wie einige von Ihnen vielleicht bereits wissen, ist die krauskunst nicht nur dem Dadaismus verpflichtet, sondern unterliegt verschiedenen Leitsätzen, von denen ich Ihnen heute abend gerne einen gerne vorstellen möchte. Die anderen Leitsätze werden Sie mit der Zeit erfahren, sollten Sie sich weiterhin mit der krauskunst beschäftigen wollen, was ich Ihnen hiermit ans Herz lege. Also der erste Leitsatz der krauskunst stammt ursprünglich vom russischen Revolutionsdichter Wladimir Majakowskij und lautet: Glaub nicht Blödworten.

Aus diesem Grund interessiert mich die Bedeutung des Geldes, denn des Nachts, da fasst der Leguan zu gern die Leguanin an. Die das, wenn auch nur ungern duldet, weil sie ihm zwanzig Euro schuldet. Ja, es interessiert mich, warum jede öffentliche Angelegenheit nur noch als Geldangelegenheit verhandelt wird, jede Einrichtung, selbst eine Freigerichthalle, und jede Vereinbarung unter einen kurzfristigen Rentabilitätszwang geraten ist. Warum und wie Wissen, Fürsorge, Schönheit und die Kunst unter der Messlatte des Geldes ihren eigenen Wert verloren haben.

Das einzige, was alle Leute gemeinsam für unverzichtbar halten, ist doch das Geld in seinem angeblich neutralen Zustand. Sobald es diesem oder jenem Zweck zugeordnet wird, zerfällt die Gesellschaft sofort in Arbeitnehmer und Arbeitgeber, in Eltern und Kinderlose, in Akademiker und Nichtakademiker, in Raucher und Nichtraucher, in Asoziale, damit meine ich Leute wie Hoeneß, und Soziale, in Leute mit bürgerlichen Berufen und Künstler.

Und was in Zeiten der scheinbaren Geldknappheit als entbehrlich gilt, weiss auch jeder hier im Saal: es sind Freiheit, Forschung, Phantasie und die Kunst: mit einem Wort: Geist.

Was wir noch wissen: die Dichter lügen. So sehen wir neuerdings, wenn wir in den Spiegel schauen, nicht mehr Gottes Ebenbild, sondern ein Geschöpf, dessen Gene zu 99,4% denen des Schimpansen gleichen und so wird klar, unsere geistige Existenz beruht auf den restlichen 0,6%. Damit sind unsere Vorfahren durch das komplette Pferdezeitalter geritten und wir schlittern nun durch eine Ära der Gleichzeitigkeit von Ereignis und der Information darüber. Unsere 0,6% werden mit Daten gefüttert und es ist uns schlussendlich nicht möglich, die Kombination von fiktiven und realitätsnahen Informationen zu entschlüsseln. Der Gedanke, mit dem Einsatz von mehr Geld und damit teureren und schnelleren Prozessoren, den Falschinformationen, also den Blödworten, auf die Spur zu kommen, entpuppt sich als naiv. Sind schon Verträge das Papier nicht wert, auf dem sie stehen, so ist der Realitätsgehalt elektronischer Medien unüberprüfbar. Und seither gewinnen Fiktionen einen ehedem nicht denkbaren Realitätsgehalt.

Dem Rezipienten kann das so passen, nicht nur wegen des ungewöhnlichen, farbenfrohen äusseren Erscheinungsbildes, sondern wegen all der gleichen, kleinen Grossartigkeiten. Die Elektronik schafft Bilder, die auf einfachen Sinngehalt reduziert sind. Sie löst Reize aus, einsam und riskant. Riskant, weil es dem nicht mehr instinktgesicherten Wesen die Möglichkeit eröffnet, sich selbst zu belügen. Nämlich durch willkürlich arrangierte Reize, vorzugsweise durch die Politik, Reaktionen auszulösen, die sein Dasein nicht fördern, sondern es nivellieren.

Die Schlussfolgerung für alles, was folgt, ist, die Welt müsse eine vollkommene Kugel sein und jede Bewegung sich mit prognostizierter Geschwindigkeit in vollkommenen Kreisen vollziehen. Demzufolge sei es nun Aufgabe der Mathematiker, ein System zu ersinnen, das die augenfälligen Unregelmässigkeiten der Planetenbewegungen auf regelmässige Bewegungen reduziert. Für diese Aufgabe wurden zunächst die Wälder gerodet, dann Hütten gebaut, darauf die Dörfer, später die Städte und schliesslich Akademien, um Räumlichkeiten zum Aufstellen von Tischen für Personal Computers zu haben. Womit ich wieder zurück bin bei der krauskunst, die der Schatten der Wälder ist. Und Kunst ist bekanntlich kein Spiegel, der die Wirklichkeit reflektiert, sondern der Hammer, mit dem man sie formt.

Darum ist es in Zeiten der Unüberprüfbarkeit so unendlich wichtig, sich wieder dem Geist zuzuwenden. Es heisst, die Dichter lügen. Und Dichten, Musizieren, Malen, Zeichnen und Eisenbiegen, all das ist eins: nämlich Kunst in seiner Gesamtheit. Woraus sich ableiten lässt: die Künstler lügen. Was das im eigentlichen Sinne bedeutet, ist, wie jeder Mensch inzwischen natürlich auch weiss, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Und daraus wiederum ist zu folgern: jeder Mensch ist ein Lügner. Und so passen denn Aussteller wie ich, Ausgestelltes und Ausstellungsbetrachter wie ein magisches Puzzle auf wunderbare Weise
zusammen.

Mickey Mouse ist inzwischen computeranimiert und bewegt sich so glatt im System, als sei sie von Mathematikern ersonnen. Darum ist es so wichtig, dass der Kopf rund ist, so können die Gedanken in alle Richtungen fliegen. Volare heisst fliegen und vorgefundene Regeln sind stets zu überdenken, und nichts, aber auch gar nichts ist als Gegeben hinzunehmen. Hinnehmen ist Stillstand, ist Fürstenherrschaft, sorgt für tausendjährige Reiche. Suchen ist Volare, ist Bewegung.

Diese Bewegung hebt den Widerspruch auf, der darin besteht, dass ein Körper sowohl der Schwerkraft unterworfen, als auch ohne festen Halt im Raum ist. Die Zwischenebene, die in dem kurzen Moment dieser Aufhebung entsteht, ist mit Zeit gefüllt. Bis Raum und Zeit verschmelzen, fliegt der Fliegerfranz über einem bissigen Krokodil hin und her und schwankt hin und her mit seinen Meinungen. Er wird nur geschützt vom Auswahlverfahren seines Gedächtnisses.

Hirnforscher sagen, der Franz verliere zwar an Dynamik, gewinne dafür aber an Weisheit durch ein genetisch angelegtes und gelerntes Programm.

Damit möchte ich schliessen, nicht ohne Sie auf den Ausspruch von Marvin Minski aufmerksam zu machen, der da sagte: Ich glaube nicht, dass das Universum existiert.

 

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Thermisches Glück
Volare

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